Das ist Jeremie, Leonards bester Freund und mein Pflegekater aus dem Tierheim Lauterbach.

Jerry wurde gefunden, da war er 12 Wochen alt. Gerade am Ende seiner Prägungsphase. Menschen kannte er da noch nicht, beziehungsweise nur als gruselige Gestalten , die ihn eingefangen und eingesperrt haben.

Seine Geschwister konnten sich an Menschen gewöhnen und wurden schnell vermittelt, Jerry verbrachte vier Jahre im Tierheim – völlig verängstigt.

Ich habe Jerry im Tierheim kennengelernt, als ich Leonard adoptieren wollte. Die beiden saßen zusammen in einem Zimmer, Leonard war offenbar die erste Katze die Jerry nicht grässlich fand und mobbte. Mir wurde später gesagt, Leonard würde andere Katzen voll okay finden, Jerry würde die wohl eher zerfleischen – man merke sich diese Aussage für später.

Jerry rannte wie ein Tiger im Käfig im Kreis, sobald sich ein Mensch seinem Zimmer auch nur näherte, betrat man den Raum, sprintete er nurnoch umher und war nicht mehr zu beruhigen. Mir war sofort klar: Der will einfach nix von mir wissen, also lass ich ihn halt. Erfahrung mit scheuen Katzen hatte ich vorher schon.

Man erzählte mir, dass Jerry auch noch andere Probleme hatte – mit dem Katzenklo ins Besondere – und er eigentlich als unvermittelbar galt.

Ich kam jede Woche vorbei um Leonard zu besuchen… und Jerry rannte mit jedem Mal weniger, bis er irgendwann sitzen blieb und mich lieber beobachtete. Ich hatte ihn bis dahin nicht ein einziges mal wirklich angesehen – das führte nur zu noch schnellerem Rennen, offensichtlich hatte er Angst vorm Angesehen werden – geschweige denn versucht ihn zu berühren.

Jede Woche brachte ich Leckerli und Spielsachen mit und irgendwann kam eine Tierheim – Mitarbeiterin um die Ecke, erzählte einem Besucher „Ja und da hinten sitzt ein ganz schwerer Fall, der lässt sich nicht anfassen… Oh…“ und Jerry saß gerade auf meinem Schoss und ließ sich füttern.

Man bat mich dann, ihn doch auch zu nehmen, nur auf Pflege, vielleicht würde das ja klappen. Nach einigem hin und her nahm ich ihn.

Und siehe da:

Vorher saß Jerry oberhalb der Hundezwinger, unter einem Blechdach – jetzt, in einer neuen und ruhigen Umgebung war er ein ganz anderer Kater. Gerannt wurde nurnoch für Essen.

Vorher kamen Menschen entweder zum Füttern oder um ihm irgendetwas „anzutun“, sprich ihn anzusehen, anzufassen, … ihr versteht worauf ich hinaus will. Ich wollte gar nichts, saß einfach nur da und beschäftigte mich mit Leonard – und hatte so plötzlich auch noch einen zweiten Kater, der erstmal testen musste, ob denn Menschen wirklich bequem sind.

Er musste erstmal alles über Menschen lernen, was eine „normale“ Katze weiß. Gesichter sind nicht gefährlich, Augen können eine Katze nicht aufessen, Hände tun nicht weh, was-zum-Henker-sind-Füße?, lautes Sprechen ist nicht schlimm, Anfassen ist eigentlich ganz nett…

Jerry ist unglaublich intelligent – und ich schätze tatsächlich, dass das teil des Problems ist. Er kommt teilweise freudig angelaufen und möchte schmusen, nur, um im nächsten Moment zu realisieren „was er da gerade macht“ und wegzurennen. Immerhin hat er keine Panik mehr und scheint täglich Fortschritte zu machen.

Jerry schaute sich kleine Tricks, wie Sitz und Pfötchen geben von Leonard ab und konnte darauf sehr gut neue Tricks aufbauen. Aus Pfötchen geben wurde „Guten Tag“, eine Übung, bei der er vorsichtig mit der Pfote mein Gesicht berührt – der Sinn dahinter ist ganz einfach: Pfoten anfassen war das ultimativ böse, Gesichter von Menschen auch. Das hat sich jetzt erledigt. Köpfchen geben kann er übrigens auch auf Kommando (macht er natürlich auch freiwillig).

Solche und weitere kleine Übungen haben aus Jerry eine ganz nette Katze gemacht. Fremde sind immernoch blöd, aber wenn man ihn erstmal kennengelernt hat (aka. Leckerli hat) ist man ok.

Heutzutage liegt er sogar bei meinem (wirklich sehr lauten) Vater auf dem Schoss und schläft dort tief und fest. Er begrüßt Besucher, die er kennt freundlich und zeigt seine Tricks für Leckerlis wirklich jedem.

Wirklich wichtig im Umgang mit scheuen Katzen ist meiner Erfahrung nach: Lasst sie einfach! Gebt ihnen ihren Freiraum und lasst sie von sich aus auf euch zukommen. Ihr möchtet auch nicht, dass euch wildfremde Menschen einfach so angrabschen. Scheue Katzen können wirklich wunderbare Haustiere sein, aber eben in ihrem Tempo!

Man sollte Bedenken: Katzen untereinander würden auch auf einen höflichen Abstand zu einer anderen Katze achten, die sie nicht kennen. Viele Katzen sind eher zurückhaltend, finden Menschen aber grundlegend sehr spannend – daraus resultiert zum Beispiel, dass solche Katzen Menschen einfach nur beobachten wollen. Viele Menschen würden das als komisches Anstarren empfinden, tatsächlich sollte man dies aber eher als freundliches Verhalten sehen.

Und dazu natürlich der ultimative Tipp: Die allermeisten Katzen sind Futter-gesteuert. Ihr wollt, dass eine Katze euch mag? Fragt doch mal den Besitzer, ob ihr ihr ein Leckerli geben dürft. Vielleicht gibt es auch ein Spielzeug, dass die betreffende Katze großartig findet – einfach ausprobieren.

Gebt einer scheuen Katze eine Chance!

Jerry möchte heute noch selbst entscheiden, ob er gerade berührt werden möchte und wie viel Nähe er erträgt – manchmal gibt es halt nur einen Milchtritt und Blinzeln aus der Entfernung oder ein Buckel im vorbeihuschen.

Das „Katzenklo-Problem“ hatte sich zu 95% von selbst erledigt, sobald er in einer ruhigen Umgebung lebte.

Und nun zu „der zerfleischt andere Katzen“ – Nö, nette Katzen mag er.

Eine meine anderen Katzen, Schnecke, hatte größtes Interesse an den beiden Katern, bevor ich sie einander ordentlich vorstellen konnte und huschte unbemerkt ins Zimmer. Sie guckte sich den völlig schockierten Jerry kurz an, inspizierte dann lieber seine Spielsachen… und ging wieder. Ich ließ sie das dann einfach weiterhin machen und eines Tages stand Jerry auf und rannte auf sie zu – um sie freundlichst mit erhobenem Schwanz und Schnuppern zu begrüßen.

Ab da waren die beiden wirklich unzertrennlich und wenn man Jerry fragte „willst du deine Omi sehen?“ flippte er genauso aus, wie wenn man ihn nach Essen fragt. Wo Leonard öfter Mal einen Klaps bekam durften Schnecke und auch meine andere sehr alte Katze, Luna, wirklich alles. Luna wurde damals langsam blind, Leonard nutze das, um sie zu erschrecken – Jerry maunzte sie immer erst an, wenn er auf sie zukam. Schnecke fraß aus seinem Napf, schlief in seinem Bett und durfte sogar sein liebstes Spielzeug haben. Und wenn Leonard frech zu den beiden Omas war, beschütze Jerry sie.

Kategorien: AllgemeinKatzen

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